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Die Dachgestalt des Wallraf-Richartz-Museums

Die geometrische Präzision ist berückend: Fern vom Blick der Passanten, zu sehen nur von den oberen Etagen einiger höherer Bauten oder aus der Distanz des Doms, besticht das Dach des neuen Wallraf-Richartz-Museums durch die grafische Reinheit eines abstrakten Kunstwerks. Während Maurizio Cattelans Knabe auf dem Museum Ludwig seine Trommel schlägt, scheint hier eine Judd’sche Skulptur gelandet. Ein scharf konturierter flacher Quader, sandfarben wie der übrige Bau, auf eben solcher Fläche; keine Luke, kein Abzug, kein technisches Fragment verunreinigt dieses ideale Areal der architektonischen Form. Nur penible Vollendung eines vom Arbeitsethos durchdrungenen Architekten?


WRM-LUFT
[+] Foto: Laubner-Luftbild, Bonn + Berlin

Um die Praxis zu verstehen, kommt man um die Theorie nicht ganz herum. Oswald Mathias Ungers gilt als der deutsche Rationalist; er selbst präzisiert: "Die formale Sprache der Architektur [...] drückt den ästhetischen Wert der Architektur als Eigenwert aus. Sie hat ihre eigene Ratio, und nur so ist auch der Begriff der rationalen Architektur zu verstehen." Und er argumentiert vehement gegen jene, die die Architektur dem Dienst an der Funktion unterstellen: "Architektur ist extrem formuliert, zweckfrei, das heißt nicht, daß sie deshalb nicht benutzbar ist, wohl aber, daß sich ihre eigentliche Dimension frei von äußeren Zwängen manifestiert." Der Form müsse eine Idee zugrunde liegen; Architektur besitze die Fähigkeit, die menschliche Existenz "aus der Trivialität des Realen zu befreien und die materiellen Zwänge künstlerisch zu überhöhen."

Während sich in Ungers’ (nicht realisierten) Entwürfen aus den späten 60er und 70er Jahren diese Gedanken in mannigfaltigen Variationen von Körper- und Raumtypen innerhalb einer Entwurfseinheit manifestieren, zeichnen sich die jüngeren Bauten zunehmend durch geometrische Purifizierung aus: Der zeitlose Archetypus erscheint nahezu unmittelbar im Gebauten, verliert dabei jegliche Erdenschwere, wird modellhaft, ortlos fast. Dass zeitgleich in Texten vom Fragmentarischen die Rede ist, mag überraschen, ist aber kein Widerspruch: Es bezieht sich, analytisch, auf das städtische Gefüge, in dem der Einzelbau weiterhin nach formaler Reinheit strebt.

Vor diesem Hintergrund nimmt das Wallraf-Richartz-Museum in Ungers’ Werk geradezu eine Sonderstellung ein. Wie kaum ein anderer Bau aus dem Büro Ungers bindet dieser die Stadt räumlich und historisch ein, fängt er sie auf in der Form und Gliederung seiner Teile, in deren Ausrichtung und, dem Alltagsbesucher weniger offensichtlich, in der inneren mathematisch-logischen Struktur der Raumbildung. So reichen die Bezüge von der Ableitung des Entwurfsmoduls aus der angrenzenden Kirchenruine von St. Alban bis zum Nachvollziehen des ehemaligen Gassenverlaufs "In der Höhle" durch das gläserne Treppenhaus. Das Erstaunliche daran: Wie ein schützender Mantel legen sich damit die Bezugsschichten um den eigentlichen Museumstrakt, der im Äußeren zwar kubisch klar umrissen, doch weit weniger abstrakt anmutet als manch anderer Ungers-Bau – und ermöglichen ihm schließlich gerade dadurch, im Inneren doch wiederum und umso stabiler als nahezu idealer Kubus daherzukommen.

Und über diesem Kubus also jenes Dach: Es ist die Spur des ideal gedachten Inneren, die körperliche Projektion seiner kreuzartigen Anlage mit im obersten Geschoss überhöhtem Mittelsaal, und zugleich eigenständige, nach den Regeln der Baukunst im Ungers’schen Sinne wohlkomponierte fünfte Fassade. Vor allem aber ist dieses Dach Teil eines architektonischen Denkens, in dem es keine theoretische Alternative zur konsequenten Vollendung der Gesamtform gibt, egal ob an einer vielbefahrenen Straße oder den Blicken entzogen.

Was nicht bedeutet, dass praktische Gründe die entsprechende Ausführung nicht hätten verhindern können. Genaugenommen ist es sogar umgekehrt: Die Perfektion verschleiert, dass das große Projekt, an dem Ungers arbeitet und das eines Pathos nicht entbehrt, sich mit der Praxis letzten Endes gar nicht vertragen kann, weil die Welt der zeitlosen Archetypen eine abstrakte ist, in die das Leben nicht folgen kann. Das allerdings bleibt ein Fluchtpunkt; das Dach ruht in Köln.

Olaf Winkler
Freier Architekturjournalist und Redakteur der Zeitschriften polis und build, Köln
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360 daecher titel neu
Die Sicht von Oben zeigt Dächer, die zum fließenden städtischen Raum zählen oder so abstrakt wie ein Architekturmodell sind. Dächer, die die wechselhafte Kölner Geschichte erzählen oder pures Freizeitvergnügen sind.

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